Blindenführhundschule Martina Grün

Urmel im Oktober 2000

Künstlerphoto von Werner und Ariane

letzte Aktualisierung: 03.01.2011

BuiltWithNOF
Frau Hölzel beim Treppentraining im Hindernisgarten Oftersheim zwei Blinde vor der alten Oftersheimer Zwingeranlage
Blinder mit Führhund Oftersheim 1958
das alte Wohnhaus im Oftersheimer Wald

Schwetzinger Zeitung, 22. Dezember 1992 (idt)

Vom Weltruhm fast in die Vergessenheit

Internationale Blindenführhund-Schule genoss bis vor wenigen Jahren grosse Anerkennung

Wer vor 40 Jahren nach Oftersheim kam, der steuerte mit Sicherheit eine Besonderheit der Gemeinde an: die größte und die am besten angelegte Blindenführhund-Schule Europas. Diese weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte Schule liegt inmitten des Gemeindewaldes, Im Oberen Wald. Aber was wurde daraus?

Die aus dieser Schule kommenden Hunde waren wegen ihrer gründlichen und weitreichenden Ausbildung als die zuverlässigsten Tiere weit und breit bekannt. Der Leiter dieser Ausbildungsstätte war infolge einer Kriegsverletzung selbst für sechs Monate blind und konnte so mit einem ganz besonderen Einfühlungsvermögen die Hunde anlernen. Dabei wurden an die Tiere ausserordentliche Anforderungen gestellt, wie auch die Ausbildung bei den Ausübenden eine nahezu übermenschliche Geduld erforderte. In einer drei Wochen währenden Vorprüfung wurden die Hunde aussortiert, ehe sie in die direkte Ausbildung kamen. Die Hauptaufgabe bestand darin, den Gesichtssinn der Hunde zu schulen. Die Schulung selbst dauerte zwischen sechs und acht Monaten. Dann hiess es, die nächste Schwierigkeit zu überwinden: Der Hund muss sich an seinen neuen, ihm in der Blindenführhundschule zugeteilten Herrn gewöhnen. Ein weiterer dreiwöchiger Lehrgang war dazu erforderlich. Am besten geeignet für die schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe waren die reinrassigen deutschen Schäferhunde. Diese zeigten sich als einzige den hohen Anforderungen gewachsen, die das Grossstadtleben an einen Blindenführhund stellt. Mitunter waren von 250 ausgesuchten Tieren nur 40 wirklich brauchbar. Jeder Besucher, der damals in Oftersheim oder Umgebung weilte, liess sich einen Besuch in dieser einzigartigen Schule nicht entgehen. Für den Tierfreund war es eine seltene Freude zu erleben, was diese klugen Hunde bei verständnisvoller und geschickter Behandlung leisten und mit welcher Freude und Hingabe sie ihren, auch für sie, entsagungsvollen Dienst verrichteten. Es gibt bestimmt nicht mehr sehr viele Oftersheimer, die sich an das Gründungsdatum 1. August 1948 erinnern, wo diese einst grösste Blindenführhundschule eröffnet wurde. Damals standen viele dieser Gründung skeptisch gegenüber, waren doch die Gelder auf einen kaum nennenswerten Betrag abgewertet worden. Tag für Tag arbeiteten ehrenamtlich nach Feierabend Mitglieder der damals 18 Oftersheimer Vereine und hatten dabei auch die Unterstützung des Vereins für deutsche Schäferhunde und des Oftersheimer Gebrauchshundevereins hinter sich. Der damalige Bürgermeister Adolf Kircher, die Gemeinde und Kirchen sagten ihre Hilfe zu, wie auch die Jugend des Deutschen Roten Kreuzes aus Eppelheim. Nur so konnte dieses grosse soziale Werk vollendet werden.

Genau ein Jahr nach Beginn der Arbeiten wurde mit der Abrichtung der Hunde begonnen. Die damals grosse amerikanische Blindenführhund-Schule “Seeing Eye Dog”, die Hatzel-Hurst-Stiftung in Brooklyn und die englische Schule in Birmingham konnten bei weitem nicht an die Kapazität der Oftersheimer Schule heranreichen, die selbst die damalige grösste deutsche Schule in München weit übertraf. Schon bald wurde klar, welch massgebliche Bedeutung diese Schule in der ganzen Welt einnahm. Als Hans Schmitt, Jahrgang 1919, Initiator und Leiter der Oftersheimer Blindenführhund-Schule, wohnhaft in Schwetzingen, im vergangenen Jahr verstarb, wurden seine grossen Verdienste fast nicht gewürdigt. Der verdienstvolle Mann konnte mit seiner Einrichtung im Oftersheimer Wald, deren Betrieb allerdings schon vor Jahren offiziell eingestellt wurde, in früheren Jahren vielen Menschen helfen. Viele Oftersheimer und Schwetzinger werden sich noch daran erinnern, dass er und seine Helfer, zusammen mit den Lern-Hunden und Blinden, zum vertrauten Strassenbild gehörten.

Die Schmittsche Schule hatte einst europaweite Bedeutung, und es war allgemein bedauert worden, dass infolge Erkrankung und Alters von Hans Schmitt die Schule geschlossen werden musste. Der Dank zahlreicher Menschen war Hans Schmitt über das Grab hinaus gewiss, vor allem auch deswegen, weil es vielleicht irgendwann eine Nachfolgeeinrichtung geben könnte.


Schwetzinger Zeitung, 28./29. August 1993 (idt)

Viele Blinde werden dankbar sein

Wiedereröffnung der Blindenführhundschule in Oftersheim / neue Leiterin

Langsam war sie in Vergessenheit geraten und das, obwohl sie vor 40 Jahren die grösste und bestangelegte Blindenführhundschule Europas war. In den letzten Monaten hielten sich die Gerüchte um eine eventuelle Wiedereröffnung, was nun auch eintrat.

Jeder Besucher, der Ende der 40er/ Anfang der 50er Jahre nach Oftersheim kam, stattete dieser damaligen Besonderheit einen Besuch ab. Diese von Hans Schmitt geführte Blindenführhundschule war weit über die Grenzen Deutschlands bekannt und lag inmitten des Gemeindewaldes. Die aus dieser Schule kommenden Hunde waren wegen ihrer gründlichen und weitreichenden Ausbildung als die zuverlässigsten Tiere weit und breit bekannt. Lange Jahre war es für jeden Tierfreund eine seltene Freude zu erleben, was diese klugen Hunde bei verständnisvoller, geschickter Behandlung leisten, und mit welcher Freude und Hingabe sie ihren, auch für sie, entsagungsvollen Dienst verrichteten. Viele Oftersheimer werden sich noch erinnern, wenn Hans Schmitt und seiner Helferinnen und Helfer, zusammen mit den Lern-Hunden und Blinden, zum vertrauten Strassenbild gehörten. Nun ist die Oftersheimer Blindenführhundschule wieder unter neuer Leitung eröffnet. Dies war ein langer Wunsch von Martina Grün, die damit vielen blinden Menschen wieder helfen will.

Martina Grün, geboren am 19. August 1964 in Würzburg, machte im Mai 1984 ihr Abitur am Hebel-Gymnasium Schwetzingen und legte dann von 1986 bis 1990 ihr Biologiestudium an der Universität Heidelberg ab. Von März 1990 bis März 1993 erfolgte die Ausbildung zur Blindenführhund-Trainerin in Österreich mit Einweisung in die Arbeit eines Instruktors. In dieser Zeit bildete Martina Grün acht Hunde aus, die in verschiedenen deutschen Grossstädten ihren Dienst versehen. Nach Abschluss der Ausbildung im April dieses Jahres erfolgte die Rückkehr nach Deutschland, ehe sie am 15. Juni mit der Ausbildung von Blindenführhunden in Oftersheim begann. Unterstützt wurde Martina Grün in den letzten drei Jahren vom Förderkreis der Blindenführhundschule Oftersheim, die die Ausbildung mit einem Stipendium finanzierten und ihr auch weiterhin zur Seite stehen werden. Bei ihrer Arbeit mit den Hunden wird sie von der ehemaligen Trainerin der Führhundschule Oftersheim , Rosemarie Hölzel, beraten. Im Oktober wird die neue Leiterin noch ein vierwöchiges Mobilitätstraining unter Sichtentzug absolvieren, damit sie in allen Belangen des Blindenwesens möglichst gut ausgebildet ist.

In der nun wiedereröffneten Oftersheimer Blindenführhundschule werden vorwiegend Deutsche Schäferhunde ausgebildet, die selbstverständlich frei von Hüftgelenksdysplasie sind und unter ständiger tierärztlicher Kontrolle stehen. Rüden und Hündinnen werden vor der Auslieferung kastriert. Die Ausbildungszeit beträgt durchschnittlich neun Monate, in denen der Hund mit den verschiedensten Verkehrssituationen vertraut gemacht wird. Zunächst erfolgt die Ausbildung im Kleinstadtbereich, wie zum Beispiel in Oftersheim und Schwetzingen, bevor dann in Heidelberg und Mannheim trainiert wird. Die Einarbeitungszeit des Blinden mit seinem neuen Hund in der Schule dauert etwa drei Wochen, wobei auch die notwendigen theoretischen Grundlagen über Ernährung und Pflege vermittelt werden. Die daran anschliessende Schulung am Wohnort beträgt maximal acht Tage und soll gröbere Missverständnisse zwischen Hund und Halter vermeiden helfen.


Schwetzinger Zeitung 28.,/29. Oktober 1995 (sas)

Der große Wunsch nach Selbständigkeit

In der Blindenführhundschule Oftersheim erfolgt die Ausbildung/hohe Anforderungen

Babsi im Oktober 1995

Mit sicheren Schritten geht Hannelore Lang auf eine gut befahrene Strasse zu. An ihrer linken Seite führt sie einen Schäferhund, rechts hält sie zur Sicherheit den Stock bereit. “Zeige den Zebra an”, sagt sie mit betonter Stimme. Der Schäferhund bleibt daraufhin genau dort stehen, wo der Fußgängerüberweg beginnt. Da kein Autogeräusch zu hören ist, kann die andere Strassenseite gefahrlos erreicht werden.

Hannelore Lang ist blind. Seit fast dreissig Jahren ist der Blindenhund ihr ständiger Begleiter. Neben ihm fühlt sie sich sicher, denn sie ist nicht mehr auf die Hilfe der Mitmenschen angewiesen. “Als ich 1967 den ersten Hund bekam, war ich sehr glücklich”, erzählt die 61jährige. “Mein neuer Weggefährte brachte viele Veränderungen mit sich. Anfangs hatte ich grosse Angst, dem Tier während dem Gehen auf die Füsse zu treten. Ich musste lernen, das Geschirr locker und die Leine lang zu halten sowie konkrete Anweisungen zu geben. Nach ungefähr einem halben Jahr hatte ich mich an den Hund gewöhnt. Von diesem Zeitpunkt an, konnte ich es richtig geniessen, in die Stadt einkaufen und bummeln zu gehen.”

Ausbildung der Hunde                                                                                                                                                            Seit über zwei Jahren leitet Martina Grün die Blindenführhundschule in Oftersheim, die 1945 von Hans Schmitt gegründet worden war. Nach ihrem Biologiestudium in Heidelberg absolvierte sie in Österreich eine dreijährige Ausbildung zur Blindenführhundtrainerin. “An unsere Hunde werden hohe Anforderungen gestellt”, erzählt Martina Grün. “Sie dürfen temperamentvoll, aber nicht nervös sein, müssen eine friedfertige Einstellung, vor allem auch anderen Hunden gegenüber, aufweisen und benötigen eine Grösse zwischen 55 und 65 cm. Die Gelenke der Hüften müssen gesund sein, damit sich keine Arthritis bilden kann.” Die Ausbildung zum Blindenführhund dauert neun Monate. In Oftersheim werden nur Schäferhunde geschult. Sobald die Tiere ein Jahr alt sind, kann mit dem Training begonnen werden. “Wir arbeiten in einzelnen Abschnitten, die jeweils drei bis vier Wochen dauern”, erklärt Martina Grün, die bei ihrer Arbeit von der Auszubildenden Ulrike Kapuschinski unterstützt wird. “Anschliessend darf sich der Hund sieben Tage lang erholen. Für uns ist es relevant zu sehen, ob sich der Vierbeiner nach Ablauf von einer Woche noch an das Gelernte erinnern kann.” Im ersten Abschnitt wird mit dem Hund im Wald trainiert. Er soll sich dabei an das Geschirr gewöhnen und lernen, eine gerade Strecke zu laufen, ohne stehen zu bleiben, zu schnuppern oder eine andere Richtung einzuschlagen. “Diese Grundübung ist sehr wichtig”, betont Martina Grün, “denn die Blinden müssen sich später darauf verlassen können, dass der Hund nicht vom Weg abkommt.” Nach einigen Wochen, wenn der Hund bereits sicher läuft, ohne am Geschirr zu ziehen, werden die Übungen auf die Wohngebiete ausgedehnt. Querstrassen, Zebrastreifen und Ampeln müssen dem Tier vertraut werden. “An Ort und Stelle bringen wir ihm die entsprechenden Kommandos bei”, erklärt die Trainerin. “Wir gehen dann beispielsweise auch in Bäckereien, Metzgereien oder zur Post, damit der Hund die einzelnen Geschäftsbereiche mit den dort geltenden Regeln kennenlernt.” Gegen Ende der Ausbildung muss sich der Vierbeiner in den grösseren Fussgängerzonen, zum Beispiel in Mannheim und Heidelberg zurechtfinden. Während der Hund anfangs nur eine halbe Stunde pro Tag geschult wird, läuft Martina Grün in den letzten Wochen der Ausbildung ungefähr drei Stunden mit jedem Tier. Das bedeutet acht bis neun Stunden Training, sieben Tage in der Woche. Hierfür ist eine gute Kondition erforderlich, denn eine tägliche Laufstrecke von 15 bis 20 Kilometern ist das Minimum.

Einschulungsphase                                                                                                                                                                   Mit strahlendem Gesicht und einem glücklichen Lächeln geht Hannelore Lang durch den Wald. “Babsi”, ihr neuer Blindenführhund achtet auf ihre Schrittfrequenz und passt sich ihrem Laufrhythmus an. Bevor das Tier seiner neuen Besitzerin übergeben wird, wohnt sie zwei Wochen lang bei Martina Grün in Oftersheim. “Ich kümmere mich selber um Babsi”, erzählt Hannelore Lang, “das bedeutet füttern, kämmen und vor allem sehr viel spazieren gehen.” In der ersten Woche werden die beiden noch von Martina Grün begleitet, später meistert die Blinde ihre Spaziergänge alleine. “Die Entscheidung kann mir der Hund natürlich nicht abnehmen”, erklärt Hannelore Lang, “aber er hilft mir dabei, sie in die Tat umzusetzen. Wenn ich beispielsweise in den Bus einsteigen möchte, bleibt das Tier an der vorderen Tür stehen und zeigt mir die erste Stufe an, indem er seine Vorderpfote darauf stellt. Auch einen freien Platz innerhalb des Busses kann ich leicht finden, weil Babsi mir, auf mein Kommando ‘suche Bank’ mit der Schnauze den Weg zeigt.” Wenn Hannelore Lang zurück an ihren Wohnort fährt, wird Martina Grün sie begleiten und noch eine Woche bei ihr bleiben. In dieser letzten Einschulungsphase achtet sie darauf, ob sich der Hund in seiner neuen Umgebung zurechtfindet. Um sich in die Lebenssituationen der Blinden hineinversetzen zu können, hat Martina Grün an einem vierwöchigen Mobilitätstraining im Blindenerholungsheim Bad Liebenzell teilgenommen. “Ich trug eine Dunkelbrille und musste lernen, mit Hilfe des Blindenstocks meine Umwelt zu ertasten”, erzählt die 31jährige. “Zunächst lief ich nur innerhalb des Hauses und kürzere Strecken draussen in der Natur. Zum Abschluss musste ich dann mit dem Zug nach Pforzheim fahren, von dort weiter mit dem Bus in die Innenstadt und dann zu Fuss zurück zum Bahnhof.” Auch heute noch, wenn Martina Grün mit ihren Vierbeinern unterwegs ist, setzt sie von Zeit zu Zeit die Dunkelbrille auf. “So kann ich am besten erkennen, ob der Hund alle wichtigen Regeln gelernt hat.”

Erfahrungen                                                                                                                                                                             Nicht immer verläuft der Alltag mit einem Blindenhund unproblematisch. Hannelore Lang, die jetzt mit “Babsi” ihren fünften Hund erhält, berichtet: “Mit jedem Tier muss man wieder von Anfang beginnen. Es ist immer eine Umstellung, sich an den jeweiligen Charakter des Hundes zu gewöhnen. Manchmal kommt es zum Beispiel vor, dass er das Fressen verweigert. Dann muss ich versuchen herauszufinden, woran es liegen könnte. Belastend ist es für mich, wenn es Schwierigkeiten beim Einkaufen gibt. Immer wieder fragt mich der Fleischer: “Muss der Hund da herein?”, und beim Bäcker lasse ich ihn immer draussen sitzen, um Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Ansonsten kann ich ihn aber überall mitnehmen, ob zum Frisör, in den Supermarkt oder zur Apotheke. Die Ladenbesitzer kennen mich ja bereits. Oftmals bekomme ich dann sogar ein Kleinigkeit für den Hund miteingepackt.” Der Blindenhund ermöglicht es, ein “normales” Leben zu führen. Er begleitet die Blinden auf allen Wegen außerhalb des Hauses, führt sie an Hindernissen sicher vorbei und steht ihnen treu zur Seite. “Gemeinsam mit dem Hund kann ich meine Freizeit abwechslungsreich gestalten”, erzählt Hannelore Lang und streichelt ihrer Babsi liebevoll den Rücken. “Theater- oder Konzertveranstaltungen kann ich ohne Begleitung besuchen, und die langen Wanderungen in der Natur möchte ich nicht missen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, anderen zur Last zu fallen. Der Wunsch nach Selbständigkeit ist gross, und nur mit Hilfe der Vierbeiner habe ich es geschafft, mich für mein Handeln alleine verantwortlich zu fühlen. Ein Leben ohne Hund ist für mich unvorstellbar, denn er ist mein bester Freund.”


ArtikelRheinPfalzFoto

Rheinpfalz, 8. Mai 2008 Lokalseite Haßloch (feli)

Der vierbeinige Partner hält die Augen offen

Martina Grün bildet Blindenführhunde aus - Mensch und Hund nach neun bis zwölf Monaten ein Team

Mit einem Arm voller Schäferhunde-Welpen kommt Martina Grün in den Hof. Beim Anblick der vier kleinen Wollknäuel schlägt jedes Hundehalterherz höher. Aber die wuscheligen Kleinen sind nicht irgendwelche Schäferhunde, und Martina Grün ist nicht irgendeine Hundezüchterin. Martina Grün leitet seit 15 Jahren eine Blindenführhundschule - eine von etwa 40 in Deutschland.

“Die beiden Rüden heißen Hagrid und Haki, die Hündinnen Hexe und Halla”, stellt Hundezüchterin Grün den vier Wochen alten Nachwuchs vor. Die jungen Schäferhunde sollen später Blinde durchs Leben begleiten und ihnen ein Stück Unabhängigkeit und Lebensfreude schenken. Eine wesentliche Voraussetzung für das erfolgreiche Absolvieren der Ausbildung eines Blindenhundes ist das Aufwachsen in einer ganz normalen Familie, bis das Tier ein Jahr alt ist. Der Junghund soll mit allen erdenklichen Alltagssituationen konfrontiert werden und lernen, keine Angst oder Aggressionen zu entwickeln. Für einen der vier Welpen hat Grün schon einen Paten gefunden. “Die zwei Rüden und eine der beiden Hündinnen suchen noch dringend ein liebevolles Zuhause”, sagt Grün. Von Mitte Juni 2008 bis Mai 2009 sollen die Hunde in Patenfamilien untergebracht werden. “Futter- und Tierarztkosten übernehme ich”, meint die Hundezüchterin, die schon als Kind von der Blindenführhundschule in ihrem Heimatort Oftersheim fasziniert war. Durch regelmässige Welpen- und Junghundetreffs will Grün mit den Patenfamilien Kontakt halten und sicherstellen, dass ihre Hunde artgerecht und in ihrem Sinne auf ihr bedeutungsvolles Leben vorbereitet werden. “Hunde, die nur auf dem Sofa sitzen und ins Bett wollen, sind als Blindenführhunde unbrauchbar und müssen verkauft werden”, resümiert die Leiterin der Blindenführhundschule. Das verhaltene Interesse zahlreicher Familien an einer Patenschaft führt Grün darauf zurück, dass der Hund wieder abgegeben werden muss, wenn die ganze Familie gerade begonnen hat, eine emotionale Bindung aufzubauen. Aber jeder Pate sollte bedenken, dass er einen blinden Mitmenschen glücklich machen kann. Der einjährige Blindenführhund-Anwärter muss, bevor er seine Laufbahn beginnt, von einem Tierarzt untersucht werden. Wenn bei einem Tier eine Hüft- oder Ellbogenerkrankung festgestellt wird, scheidet es aus und wird als Familienhund vermittelt, so wie die zehnmonatige weiße Schäferhündin “Donna” oder die zweijährige Deutsche Schäferhündin “Danny”, die auf ein neues Zuhause warten. Nach erfolgreich abgelegtem Wesenstest und tierärztlicher Untersuchung werden die künftigen Blindenführhunde von Martina Grün über eine Zeit von neun bis zwölf Monaten intensiv trainiert. Danach erfolgt eine vier- bis sechswöchige Einarbeitung mit dem Blinden - erst bei Martina Grün und dann in der Umgebung des Blinden. Hund und Mensch sollen ein Team werden und die externe “Gespann-Prüfung” bestehen. Dazu gehört das Beherrschen der verschiedensten Kommandos wie “Zeig Treppe” und “Rüber” beim Überqueren einer Strasse bis hin zu “Zeig Büro” oder “Zeig Bäcker”. Und beim Bus- und Bahnfahren wird das Aufstehen und Aussteigen an den richtigen Haltestellen geübt. Abgeflachte Bordsteine seien für Blinde und ihre Hunde ein Horror, kritisiert Grün die moderne Strassenbauweise, die Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte begrüßen. Erst nach bestandener Gespannprüfung erhält Martina Grün von der Krankenkasse des Blinden ihr Geld. Die knapp zweijährige Ausbildung eines Blindenführhundes kostet bei Martina Grün 20.000 Euro. Generell sind die Krankenkassen zur Zahlung verpflichtet. Doch Grün machen die Billiganbieter - insbesondere aus östlichen Ländern - das Leben schwer, die Blindenhunde preiswert einkaufen und nach einer kurzen Ausbildungszeit für 17.000 Euro oder weniger auf dem Markt anbieten.

[Startseite] [Persönliches] [Meine Schule] [Presseartikel] [Die Hunde] [Welpenprägung] [Patenfamilie] [Ausbildung] [BFH historisch] [Alltag] [Bilder] [zur Erinnerung] [Gästebuch] [Links] [Kontakt]
Counter