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Die Geschichte des Blindenführhundes
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Es gibt keine Angaben darüber, wann ein Hund zum ersten Mal als Führhund verwandt wurde, aber anhand von Abbildungen lässt sich der Hund als Begleiter des Blinden bis in die Antike zurückverfolgen (Wandgemälde aus Herculaneum, 1. Jh. n. Chr.) Es wird vermutet, dass der Hund als Schutz und Gefährte des von der Gemeinschaft ausgestossenen Blinden fungierte und weniger zur Führung eingesetzt wurde. Wenn man einem Bericht von A. F. Freville glauben darf, dann wurden Hunde erstmals um 1780 systematisch und in grösserer Zahl von den Insassen des Pariser Blindenhospitals “Les Quinze-Vingts” zu Führdiensten abgerichtet. Er schreibt in seinem Buch “Geschichte berühmter Hunde” (1797) folgende Sätze (Zitat): “Die Art, wie der Hund die unsicheren Tritte der Blinden leitet, erregt wahrhaftig Bewunderung und verdient unsere Erkenntlichkeit. Welche Klugheit, Geduld und Sorgfalt in diesem wohltätigen Tiere! Niemals verfehlen sie an deren Tür zu weilen, die ihren Herren ein Almosen zu geben im Stande sind. Sehr sorgfältig weichen sie den Karren, Lasttieren und Frachten auf ihrem Wege aus, und das in der grösstmöglichen Entfernung schon. Ich habe welche gesehen, sagt Montaigne, die einen ebenen und geraden Weg nicht gingen, bloss weil er tiefe oder mit Wasser angefüllte Gräben hatte, und dass diese vorsichtigen Tiere einen anderen krummeren Fussteig wählten, wo ihr Herr aber keiner Gefahr unterworfen war.”
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Johann Wilhelm Klein, der Begründer des Wiener Blinden-Erziehung-Instituts erwähnte 1819 in seinem “Lehrbuch zum Unterricht der Blinden” den Führhund und gab auch einige wertvolle Hinweise zur Abrichtung (Zitat): “In einer Anstalt für Blinde können auch Hunde abgerichtet werden, um einzelnen (aus der Anstalt) austretenden Blinden als Führer zu dienen. Hierzu sind die Pudel und die Schäferhunde die tauglichsten. Von dem Halsbande des Hundes geht entweder ein Band oder ein Stab an die linke Hand des Blinden, welcher in der Rechten einen Stock hat. Das Band muss durch einen los um den Leib des Hundes gehenden Riemen laufen, damit eine Seitenbewegung des Tieres dem Blinden in der Hand mehr fühlbar sei. Bei einem Stab ist dies nicht nötig. Der Stab hängt, um ihn leicht losmachen zu können, mit einem Knebel in dem Halsbande des Hundes und hat auch oben eine Schleife, damit er der Hand des Blinden nicht entfallen kann. Diese Leitung durch einen Stab hat den Vorteil, dass der Blinde im Augenblick merkt, wenn der Hund stille steht, welches der Fall nicht ist, wenn derselbe durch ein Band geleitet wird. Das Abrichten des Hundes muss, wenigstens anfänglich, durch einen Sehenden geschehen. Man führt ihn mehrere Male desselben Weg und übt ihn besonders sorgfältig an solchen Stellen, wo er durch Wendungen, durch Langsam gehen, durch Stillstehen oder auch andere Art den Blinden auf Krümmungen des Weges, auf ein vorliegendes Hindernis oder sonst auf etwas aufmerksam machen soll. Dann nimmt der Blinde den Hund selbst an die Hand und geht mit ihm anfänglich auf solchen Wegen, welche ihm vorher genau bekannt sind, um sich an die Bewegungen und Kennzeichen des Tieres zu gewöhnen. Es versteht sich übrigens von selbst, dass von jetzt an der Hund nur durch den Blinden, dem er zum Führer bestimmt ist, gefüttert und behandelt werden darf, um sich ganz an ihn zu gewöhnen, und ihm die diesem Tiere eigentümliche treue Anhänglichkeit zu beweisen.”
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Nach dem Ausbruch des I. Weltkrieges griff zunächst der Wiener Arzt Leopold Senfelder den Gedanken des Blindenführhundes neu auf, unterstützt wurde er vom “Österreichischen Polizei-, Kriegs- und Sanitätshundeverein”. Aber leider fanden seine Vorschläge, den im Krieg erblindeten Männern einen Führhund zur Seite zu stellen, in Österreich kein Gehör.
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Erst Geheimrat Dr. Gerhard Stalling, der Vorsitzende des “Deutschen Vereins für Sanitätshunde” gründete im August 1916 auf Bitte des Grossherzogs Friedrich August von Oldenburg und mit Unterstützung des Kriegsministeriums die erste Blindenführhundschule der Welt in Oldenburg. Die ersten Blindenführhunde waren ursprünglich als Sanitätshunde ausgebildet worden, deren Aufgabe darin bestanden hatte, verschüttete Soldaten aufzuspüren. Die Ausbildung dauerte 4-6 Wochen, die Ausbildungskosten in Höhe von 500 RM wurden aus einem Spendenfonds gedeckt. Bereits im Oktober 1916 wurde der erste ausgebildete Hund an den Kriegsblinden Paul Feyen übergeben. 1919 wurden 539 Kriegsblinde mit Führhunden versorgt und am 31.03.1920 waren 867 Hunde im Einsatz.
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Die Oldenburger Führhundschule unterhielt in den nächsten Jahren neun Filialbetriebe (Breslau, Dresden, Essen, Freiburg, Hamburg, Magdeburg, Münster, Bonn und Hannover) und bildeten jährlich bis zu 600 Blindenführhunde aus. Die Teilnehmerzahl in den Lehrgängen schwankte von 6 in der Meldestelle Hannover bis zu 18 in der Abrichtestelle Freiburg. Bedingt durch die hohe Zahl der Teilnehmer hatten die Blinden in Freiburg während der dreiwöchigen Einweisung nur zwölf Trainingsstunden mit ihren Hunden, in Hannover hingegen wurde täglich am Vormittag 3-4 Stunden geübt und am Nachmittag Unterordnungsübungen und Spaziergänge angesetzt. Anschliessend erfolgte die Einweisung des Kriegsblinden an seinem Heimatort.
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Mit dem Anstieg der Kriegsblinden wuchs auch die Zahl der an einem Hund interessierten Blinden; die Zahl geeigneter Hunde wurde immer geringer und die Schulen nahmen letztendlich jeden angebotenen Hund zur Ausbildung an. Als Folge gab es zunehmend Klagen über schlecht arbeitende Führhunde; leider wurden diese Bemängelungen aber nicht bei der Ausbildung der folgenden Hunde berücksichtigt. Am 12. Mai 1920 wurde in §5 Abs. 6 des Reichsversorgungsgesetzes der Anspruch des Kriegsblinden auf einen Führhund fixiert und die Anträge über das Hauptversorgungsamt an die zuständigen Ausbildungsstellen weitergeleitet. Allerdings konnte sich das Oldenburger Unternehmen trotz der überzeugenden Erfolge finanziell nicht halten und musste 1926 seinen Betrieb einstellen.
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Aber inzwischen waren - nicht zuletzt auch durch die Resultate des Oldenburger Instituts - diese Versuche so bekannt geworden, dass sich immer mehr Menschen dafür interessierten. So war es nur noch eine Frage der Zeit, bis am 15.09.1923 die zweite Führhundschule der Welt ihre Tore öffnete, diesmal in Potsdam. Initiiert wurde die Gründung vom Reichsarbeitsministerium, der Aufbau wurde vom “Verein für Deutsche Schäferhunde” durchgeführt.
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Die in der Schule geleistete Arbeit war richtungsweisend und begründete den damaligen Ruf Deutschlands als Mekka der modernen Blindenführhund-ausbildung. Die Zwingeranlage bot Platz für etwa 100 Hunde, wovon sich ca. 50% in der 3-4 Monate dauernden Ausbildung befanden. Zum Übungsgelände gehörte ein Hindernisgarten, in dem konzentriert diverse Hindernisse (Stufen, Löcher, grosse Steine, Brücken, Höhenhindernisse) aufgebaut worden waren. Nach diesem Training wurde in der Stadt geübt. Bevor der Hund dem Blinden übergeben wurde, ging der Trainer selbst mit dem fertigen Führhund unter der Augenbinde durch die Stadt, um eventuelle Mängel feststellen und beseitigen zu können.
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Der Einführungslehrgang dauerte vier Wochen und in dieser Zeit blieben die Blinden mit ihren zugeteilten Hunden Tag und Nacht zusammen. Monatlich konnten maximal 12 Blinde mit Hunden beliefert werden, die Bezahlung übernahm der Staat, so dass der “Verein für Deutsche Schäferhunde” seine Selbstkosten erstattet bekam.
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Postkarten-Serie von 1927, die den Blindenführhund in verschiedenen Szenen zeigt.
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Die Erfolgsquote bei der Ausbildung der Hunde war sehr hoch, weil die Schule die Erfahrungsberichte von Führhundhaltern systematisch auswertete und bei ihrer Arbeit die beginnende Motorisierung im Strassenverkehr berücksichtigte. Bis 1941 hatte die Schule über 2500 Hunde abgegeben, von denen nur 6% zurückgenommen werden mussten. 1952 wurde die Führhundschule Potsdam von Dienststellen der DDR entschädigungslos enteignet. An ihre Stelle traten die Führhundschulen Berlin-Karlshorst (später Berlin-Hirschgarten bzw. Sehhund, heute “Stiftung Deutsche Blindenführhundschule Berlin”) und Erfurt.
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Die Erfolge der Potsdamer Schule wurden im In- und Ausland mit Interesse verfolgt und die in der Schweiz lebende amerikanische Schäferhundzüchterin, Dorothy Harrison-Eustis (spätere Mitbegründerin der ersten amerikanischen Blindenführhundschule “The Seeing Eye” in Morristown (New Jersey)), hospitierte mehrere Monate hier, um die Methodik zu studieren. 1928 eröffnete sie in Mont Pelerin/Schweiz am Genfersee ein Institut, an dem geeignete Personen in der Führhundausbildung unterwiesen wurden, um dann ihrerseits wieder in ihren Heimatländern Schulen zu eröffnen. Ihr Ausbilder Nikolai Liakhoff ging 1930 nach England, wo 1934 die Organisation “The Guide Dogs for the Blind” gegründet wurde. Ihr wohl bekanntester Schüler war Morris Frank, der im November 1927 einen Artikel von Eustis in der “Saturday Evening Post” gelesen hatte und sich mit der Bitte um Ausbildung eines Hundes an sie wandte. Als Gegenleistung versprach er, die Ausbildung der Hunde in Amerika durch öffentliche Auftritte vor dem Senat und der Presse zu unterstützen. So kam es, dass die deutsche Schäferhündin “Buddy” den Weg des Blindenführhundes in Amerika bereitete. (Buch: “Buddys Augen sahen für mich” / Film: “Wie ein Faustschlag”). 1934 siedelten Eustis, auch bedingt durch die Finanzkrise, wieder in die USA zurück.
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1936 gab es in Deutschland 3000 Blindenführhunde. Waren die ersten Unternehmen hauptsächlich von der Berufserfahrung der Hundezüchter gekennzeichnet, so bestimmten nun bald wissenschaftliche Methoden die Ausbildungspläne. Die fundamentalsten Untersuchungen zu diesem Thema verdanken wir Jakob Baron von Uexcuell, der am damaligen “Institut für Umweltforschung” der Universität Hamburg tätig war. Er veröffentlichte zum ersten Mal eine wissenschaftliche Methode der Abrichtung von Blindenführhunden, die dann wenige Jahre später (1937/38) von seinem Schüler Emanuel G. Sarris verbessert und vervollkommnet werden konnte.
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Der nach den Vorstellungen von Sarris konstruierte Abrichtewagen (auch “künstlicher Mensch” genannt), entsprach in seinen Abmessungen den Umrissen eines Menschen und sollte dem Hund ohne Einwirkung des Trainers das Raumgefüge eines Menschen näherbringen. Dieser Wagen wurde nach dem II. Weltkrieg von Dr. Heinz Brüll neu konstruiert und ist in dieser Form zum Teil noch heute im Einsatz.
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Nach dem II. Weltkrieg gab es aufgrund der politischen Lage in Deutschland zunächst keine Stellen für die Blindenführhundausbildung. Erst 1949 kam es zu Neugründungen von Blindenführhundschulen, diesmal vorwiegend auf privater Basis, Auftraggeber für die Ausbildung der Hunde waren staatliche Stellen (LVA für Kriegsblinde, Sozialämter und Berufsgenossenschaft). Dazu gehörte auch die “Blindenführhundschule Oftersheim/Baden”, die bis Mitte der 80er Jahre sehr erfolgreich Blindenführhunde ausgebildet hat. Mit finanzieller Unterstützung des DRK und durch staatliche Mittel entstand eine Boxenanlage für ca. 50 Hunde, auch die Potsdamer Idee eines “Hindernisgartens” wurde wieder aufgegriffen. Bevor die Hunde mit dem Training in der Stadt begannen, hatten sie in dem 3 ha grossen Gelände die Möglichkeit, alle Hindernisse kennen zu lernen. Die Hunde absolvierten vor Beginn der Ausbildung eine sechswöchige Überprüfung, von 10 Hunden wurden dann höchstens drei für die Ausbildung übernommen.
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Die Trainer wurden von dem Kynologen Walter Hantke ausgebildet und trainierten die Hunde sofort in dem von Handtke entwickelten “Handgeschirr”; der von anderen Schulen propagierte Abrichtewagen kam nicht zum Einsatz. Ausserdem wurde sehr viel Wert auf die theoretische Unterweisung der zukünftigen Führhundhalter gelegt, die Einweisung erfolgte in kleinen Gruppen von max. 4 Teilnehmern über einen Zeitraum von drei Wochen. Die humane Ausbildungsmethode waren so erfolgreich, dass sie von ausländischen Schulen übernommen wurde. Die Züricherin Anna Auer lernte 1951 bei Walter Handtke in Oftersheim die Ausbildung von Blindenführhunden und gründete Ende der 50er Jahre ihre eigene Schule in Jugoslawien. Von dort gingen viele Hunde in ihre Schweizer Heimat, da es dort keine eigenen Schulen gab. Im Juli 1964 lernte die 70jährige in Allschwill den Zollbeamten Walter Rupp kennen und bildete diesen dann bis Ende 1965 zum Führhundtrainer aus. 1972 kam es zur Gründung der heutigen Stiftung in Allschwill / Baselland mit einem Stammkapital von 150.000 ChF.
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